Pressestimmen


 

Drei Männer aus Köln und eine Dame aus München vereinen ganz selbstverständlich Jazziges, Swing und Klezmer. Dabei singen und spielen "A Tickle in the Heart" zusammen mit Andrea Pancur, wie könnte es anders sein, von Liebe, Lust und Leidenschaft.

Die drei Herren mittleren Alters, die kurz vor halb zehn die Bühne betreten und die dem Aussehen nach auch alle drei Zahnärzte oder Anwälte hätten werden können, haben sich dem Klezmer verschrieben. Mit Haut und Haaren und einem Lächeln sowie der erfreulichen Lust am Grenzüberschreiten.  Das beginnt schon bei der Instrumentierung, wo einer hervorragenden Klarinette (Bernd Spehl) und einem prägnanten Kontrabass (Thomas Fritze) beispielsweise eine gewandte Mandoline (Andreas Schmitges) beigegeben wird. Bisweilen auch eine fingerfertige Fluier, eine Holzflöte aus dem moldawischen Raum, die ein wenig aussieht wie eine überdimensionale Zimstange und die von Spehl auch gespielt wird als würde er gerade genussvoll in etwas zu Essen beißen.

Doch die etwas andere Klezmer-Atmosphäre, die sich wohlig breit macht, ist in erster Linie zurückzuführen auf die Offenheit, anderen Musikstilen Raum zu geben. Da hört man immer wieder Irisches, ab und an Südamerikanisches oder auch Passagen, die an Zigeunerweisen erinnern; Jazz-Anleihen blitzen auf und hin und wieder bricht der Swing durch einige Takte. Man spürt die uralten Traditionen des Klezmer, aus denen die Musiker schöpfen, und man erkennt die neuen Schwingungen, die die Herz-Kitzler mit hineinnehmen in ihre Musik.

Dies alles vortrefflich besungen von Andrea Pancur. Mit ihrer, vor allem in den tieferen Lagen anrührenden und innigen Stimme, singt sie über das Verlassenwerden, die Magie des ersten Erkennens zweier Liebenden und über die nicht auszubleibende Hochzeit. Vor jedem Stück erzählt die sympathische Sängerin dazu knapp den Inhalt des Liedes, so dass man den jiddischen Texten gut folgen kann.

Fein interpretierte Tanzmusik darf natürlich nicht fehlen an so einem Abend, Lustiges, Heiteres, Erfrischendes. Aber auch in den nachdenklichen Passagen des Abends nuanciert Andrea Pancur mit Schmerz und Wehmut in der Stimme ein ums andere Mal gekonnt. Ein allein vorgetragenes, sehr inniges Herbstlied von Beyele Schaechter-Gottesmann singt sie mit exakt der Schattierung von Brüchen in der Stimme, die einem solchen Stück gut tun. Diese Art von Musik darf nicht lupenrein gesungen werden, wovon Andrea Pancur hier auch Gott sei Dank Abstand nimmt.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist das sehnsuchtsvolle Instrumentalstück, das das Kölner Trio im Jahr 2005 schon für das Oberhaupt der katholischen Kirche gespielt hat ("Was gut  für den Papst ist, sollte auch gut genug für die Kofferfabrik sein" - so ist es!), sowie ein vertontes Gedicht von Selma-Meerbaum Eisinger. Das "Viglid far dir" war mit luftig leicht, fast fliegendem Text ein idyllisches Lied zur Nacht.

Als Zugabe vor der Bühne gab es mit leiser Melodie ein letztes Abendlied von Chava Alberstein zum Träumen und wohlergehen. Warmer Applaus für dieses charmant gemischte Programm.  

(HFN, 5.5.08)

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Andrea Pancur

 

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Mit Die Reihe Jazzperado startete vor dem brisanten Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts einerseits mit der Besinnung auf kulturelle Werte, andererseits mit einer die Versöhnung preisenden cineastischen Botschaft. Dass sich die Lounge zum Konzert gänzlich füllte, lag aber auch am "modern klezmer quartet", in dem vor allem die einstige "Massel-Tov"-Begründerin und Sängerin Andrea Pancur als Garantin für ein tiefschürfendes Programm einstand. Aber auch Franka Lampe (akkordeon), Georg Brinkmann (Klarinetten und Saxophon) sowie Horst Nonnenmacher (Kontrabass) sind in der Klezmerszene längst etablierte Größen.

Der Weg, den das Ensemlbe eingeschlagen hat, ist indes neu, wenn auch in der Überwindung der Grenzen zwischen E- und U- Musik zeitgemäß. Dmitri Schostakowitschs Liederzyklus "Aus jüdischer Volkspoesie" für drei Stimmen von 1948 unter Op. 79a vom Komponisten selbst für Orchester gesetzt, ist an sich bereits Grenzen überschreitend. Schostakowitsch, der als Filmkomponist hier ohnehin ins Konzept passte, hatte darin ostjüdische Lieder in seinem behutsam freitonalen Stil verarbeitet. Selbst wenn das "modern klezemr quartet" die orchestrale Vorlage sehr frei auf die farbige Instrumentierung des Ensembles übertrug, wurde doch deutlich, wie eng die jüdische Musik mit der eigenwilligen Harmonik, bisweilen auch Melodik Schostakowitschs verwandt ist.

Die acht klagevollen und grundtraurigen Lieder von Tod, Elend, Trennung und Not, deren Abgründe Andrea Pancur zumindest in den Erläuterungen etwas von Schmerz und Finsternis zu befreien bemüht war, verlagerten ihren Duktus in den einfühlsam emotionalen Interpretationen des Ensembles  zu klangmalerisch vertonten Erzählingen hin. Selbst in den drei angefügten Liedern  ohne Vorlagen zur Bauchpinselung des stalisnistischen Regimes, den parodistisch übersteigerten Lobpreisungen des Kolchosenglücks, blieb der narrative Charakter bestehen, wenn auch melodiös verflacht.

Die klagmalerisch umrahmte Erzählung ist letztlich das Kennzeichen der jüdischen Lieder. Nicht alle Vorlagen Schostkowitschs waren auffindbar, doch die in Seefeld höchst emotional verdichtet vorgetragenen, zeugten von enger Verbundeheit Schostakowitschs mit der jüdischen Kultur. Frenetischer Applaus und eine ausgedehnte, mit theatralischen Mitteln angreicherte Zugabe.

(Süddeutsche Zeitung - Starnberger Ausgabe, 16.01.9)

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